Übrigens monierte ja bei den Büchereulen jemand, dass doch Tagebücher mit wörtl. Rede merkwürdig seien - aber es gibt sie. Das beste Beispiel ist Anne Frank. Das fand ich bei dir also sehr glaubhaft gelöst, weil die Marie ja auch eine Schriftstellerin sein wollte.
Das ist hier auch angesprochen worden. Ich habe das gar nicht so als „Problem“ gesehen – weil ich in der Art geführte Tagebücher von mir selbst kenne. In meinen findet man haufenweise Dialoge. Nicht, weil ich Schriftstellerin bin (das war ich damals ja noch gar nicht und hatte auch nichts dergleich „geplant“), sondern weil ich das für mich selbst einfach einprägsamer fand. Ich wollte gern alles so genau wie möglich erinnern.
Aber... deine Idee mit Viktorias überschießender Fantasie war irgendwie nicht so mein Fall. Nicht wegen des Inhalts. Nicht wegen mangelnder Spannung, sondern einfach, weil ich fand, damit hatte sich die Story etwas festgefahren.
Da Viktoria so ausführlich fabulieren durfte, war klar, dass sie in etwa das traf, was wirklich passiert war. Für mich war das aus den Bildern jedoch so nicht ersichtlich, insofern war es doch extrem spekulativ, auch wenn Viktoria einen besonderen Draht zu den Zwillingen haben mag.
Ich hätte es also besser gefunden, wenn aus den Bildern schon deutlicher geworden wäre, was Viktoria dann aufgeschrieben hat. So bleibt bei mir das Gefühl, dass es eben so sein musste, weil sie das so geschrieben hat. Gewissermaßen von der Autorin Corinna gewollt, die ja in Viktorias Welt die Regie führt.
Das stimmt natürlich. Die Autorin Corinna kannte ja schließlich das Ende und die Auflösung der Geschichte. Und danach habe ich Doro die Bilder malen lassen. Ich hatte es also viel einfacher als Viktoria.

Aber da Doro sich ja selbst lange Zeit nicht darüber im Klaren war, was sich eigentlich genau abgespielt hatte, konnte sie auch nicht konkretere, auf den ersten Blick erschließbare Bilder malen (davon abgesehen wäre das ja auch für die Leser eher langweilig gewesen und Viktoria und Roman hätten sich das ganze Spekulieren und Recherchieren sparen können…). Was jemand in Bilder hineininterpretiert bzw. was für jemanden „ersichtlich“ ist und was nicht, ist sehr indivduell, glaub ich (ich erinnere mich dunkel an Interpretationen aus dem Kunstunterricht), und das trifft ähnlich ja auch auf Bücher zu. Manche interpretieren etwas völlig anderes in einen Text hinein, lesen zwischen den Zeilen Dinge, die der Autor natürlich so – oder auch ganz anders gemeint haben kann.
Ich gebe Dir auf jeden Fall recht: Viktoria hat da schon sehr treffend interpretiert.

Aber wie Du schon sagst, die ganze Passage wäre überflüssig gewesen, wenn sie komplett daneben gelegen hätte. Ich hätte dann auf einen anderen Ermittlungs-„Trick“ ausweichen müssen, was sicher auch möglich gewesen wäre. Dann hätten aber Doros Bilder nicht mehr eine zentrale Rolle in dem Roman gespielt - aber genau das sollten sie.
Was ich wirklich an der Kammer mochte, war schon die Gegenwartsgeschichte. Mir hätte es genügt, wenn sich die Vergangenheit aus kurzen Briefen, wenigen Textpassagen und besondes aus der wunderschönen langen Passage der Bilderbetrachtung ergeben hätte.
Ich hätte dafür favorisiert, wenn sich gegen Romanende die Story um Roman und Viktoria - und besonders um das Haus - noch zugespitzt hätte. Ideen waren mir dazu beim Lesen genug gekommen.
Aber so ist das nun mal: Liest du etwas nicht selbst Verfasstes, musst du den Plot des Autors akzeptieren. Wer das nicht will, muss sich selbst an den PC setzen und viel Zeit investieren - und ist meistens wohl doch nicht recht zufrieden.
Das ist ja auch das Spannende am Lesen (finde ich), dass einem selbst auch immer die tollsten Idee kommen (passend zu dem, was ich oben sagte, trifft das auch auf die Interpretationen zu). Wenn ich ein Buch lese und dabei nicht meine eigene Fantasie ausgiebig spielen lassen kann (auch wenn mich der Autor ggf. dann doch ganz woanders hinführt), ist es nur das halbe Vergnügen für mich als Leserin. Ideen kommen einem dabei haufenweise – übrigens ja auch beim Schreiben – und als Autorin finde ich es dann spannend zu hören, was andere denken/fühlen beim Lesen. Das ist mit ein Grund, warum ich so gern Leserunden mache.
Was die eigenen Ideen beim Schreiben betrifft, da kommen einem natürlich auch mehrere für den Plot-Verlauf. Man muss sich dann für eine Variante entscheiden.

Oder, fällt mir gerade ein, man schreibt z. B. ein alternatives Ende und stellt’s für die Leser online oder so…
